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Straßen- und Zuglärm untersucht

Leise Verkehrsgeräusche erhöhen das Demenzrisiko laut Studie signifikant

Straße in Kopenhagen
Die Lärmbelastung durch den Straßenverkehr (hier in Kopenhagen) muss gar nicht so hoch sein, um einen negativen Einfluss auf die Gesundheit zu habenFoto: Getty Images

Es muss kein Balkon direkt an der Autobahn sein – auch scheinbar leise Verkehrsgeräusche versetzten das Gehirn in Stress, was laut einer aktuellen dänischen Studie das Demenzrisiko erhöht.

Hohes Verkehrsaufkommen stellt besonders für Großstädter eine enorme Belastung dar. Nicht nur aufgrund der gesundheitsschädlichen Abgase oder der vielen sinnlosen Stunden im Stau. Wer über Jahre nahezu ohne Pause Verkehrsgeräuschen ausgesetzt ist, hat ein höheres Demenzrisiko als abgeschiedene Dorfbewohner, wie eine dänische Studie jetzt ermittelte. Sie fand auch heraus, welche Lautstärke bereits eine Gefahr darstellt. Das erschreckende Ergebnis: Selbst vergleichsweise leises Brummen von Autos und Lkw kann Schaden anrichten.

Verkehrslärm Umweltrisikofaktor Nr. 2 für öffentliche Gesundheit

Verkehrslärm gilt nach der Luftverschmutzung als der zweitschlimmste Umweltrisikofaktor für die öffentliche Gesundheit in Europa, und rund ein Fünftel der europäischen Bevölkerung ist Verkehrslärm über dem empfohlenen Pegel von 55 Dezibel (dB) ausgesetzt. Zum Vergleich: 55 dB entspricht einem laufenden Fernseher oder Radio im Zimmer. Ab 60 dB (Rasenmäher oder angeregtes Gespräch) kann es für Unbeteiligte schon recht nervig werden. Eine ununterbrochen im Hintergrund laufende „Radioshow“ in Form von Motorengeräuschen und Hupen hingegen hinterlässt bereits dramatische Spuren, warnt ein Zusammenschluss dänischer Wissenschaftler in ihrer im Fachmagazin „bmj“ veröffentlichten Studie.1

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Verkehrsgeräusche und Demenzrisiko erst wenig erforscht

Zahlreiche Studien konnten zuvor bereits belegen, dass Verkehrslärm Krankheiten wie Diabetes, Fettleibigkeit oder koronare Herzkrankheiten auslösen kann, heißt es in der dazugehörigen Medienmitteilung.2 Verkehrslärm bzw. Verkehrsgeräusche und Demenzrisiko seien bislang jedoch wenig erforscht und die bislang bekannten Ergebnisse widersprüchlich. Um diesbezüglich einen Schritt weiterzukommen, untersuchte das Team die Auswirkungen von Straßen- und Bahngeräuschen auf das Demenzrisiko bei zwei Millionen Erwachsenen über 60 Jahren, die zwischen 2004 und 2017 in Dänemark lebten. 

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Verkehr belastete Wohnadressen mit Demenzfällen verglichen

Zunächst ermittelten die Wissenschaftler, welche Wohngebiete besonders stark Auto- und Eisenbahnlärm ausgesetzt sind. Anschließend analysierten sie die nationalen Gesundheitsregister, um Fälle von Demenz aller Ursachen und verschiedene Arten von Demenz (Alzheimer-Krankheit, vaskuläre Demenz und Parkinson-bedingte Demenz) über einen Durchschnitt von 8,5 Jahren zu identifizieren. Dabei ermittelten sie während des Untersuchungszeitraums 103.500 neue Demenzfälle.

Sie entdeckten auch, dass bereits eine konstante Straßenlärmbelastung der besagten 55 dB und höher ausreichte, um das Demenzrisiko (speziell Alzheimer) um ganze 27 Prozent zu erhöhen. Bei gleich lauten Eisenbahngeräuschen fiel das Risiko geringer aus – vermutlich, weil der Lärmpegel weniger konstant ist.

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Wie Lärm das Gehirn mürbe macht

Auch wenn man sich irgendwann an die Verkehrsgeräusche gewöhnt und sie vielleicht bewusst gar nicht mehr hört, dringen sie doch bis zum Gehirn durch. Lärm schüttet immer Stresshormone aus, betonen die Forscher. Ein erhöhter Stresshormonpegel führt zu Schlafstörungen, Veränderungen des Immunsystems und Entzündungen. All dies trägt bekanntlich zu Entstehung von Demenz und Alzheimer bei. Daher sind auch scheinbar „erträgliche“ Verkehrsgeräusche bezüglich Demenzrisiko nicht zu unterschätzen.

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Reduzierung von Verkehrslärm hat oberste Priorität

Obwohl es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, also fehlende Informationen wie Lebensgewohnheiten oder Vorbelastungen bei der Auswertung nicht berücksichtigt werden konnten, kommen die Forscher zu dem Schluss, dass es neue Strategien seitens der Politik braucht, um Verkehrslärm zu reduzieren. „Die Erweiterung unseres Wissens über die schädlichen Auswirkungen von Lärm auf die Gesundheit ist unerlässlich, um neue Prioritäten zu setzen“, fordern die beteiligten Wissenschaftler. „Wir brauchen wirksamen Strategien, die sich auf die Prävention und Kontrolle von Krankheiten, einschließlich Demenz, konzentrieren.“ Ihr abschließendes Plädoyer lautet deshalb: „Die Reduzierung von Lärm sollte zur Priorität der öffentlichen Gesundheit werden!“

Quellen